Der kleine Hase und die freche Ziege

Es war einmal ein kleiner Hase. Er wohnte in einer gemütlichen Hütte am Waldrand. Die Hütte war klein, aber fein: weiches Moos auf dem Boden und ein Fenster, durch das die Sonne hereinlachte.

Eines Tages wurde es kalt. Der Hase saß am Feuer und trank heißen Himbeertee. Da klopfte es an der Tür.

„Wer ist da?“, fragte der Hase.

„Ich bin‘s, die Ziege!“, rief eine Stimme. „Ich friere so. Lass mich bitte herein!“

Der Hase hatte ein gutes Herz. Er öffnete die Tür, ließ die Ziege herein, gab ihr Tee und eine warme Decke.

Aber die Ziege war schlau und frech. Als der Hase einschlief, stampfte sie mit den Hufen und schrie:

„Hau ab! Das ist jetzt mein Haus! Ich bleibe hier!“

Der arme Hase erschrak, rannte hinaus in die Kälte und setzte sich unter einen Busch. Er weinte leise.

Da kam der Hund Bello vorbei.

„Warum bist du so traurig?“, fragte er.

Der Hase erzählte alles. Bello sprang auf:

„Keine Sorge! Ich helfe dir!“

Er lief zur Hütte und bellte: „Wuff, wuff! Komm raus, du freche Ziege!“

Aber die Ziege rief zurück: „Tü-tü-tü! Ich stampfe mit den Hufen, ich stoße mit den Hörnern – lauf lieber weg!“

Bello bekam Angst und rannte davon.

Der Hase ging weiter. Da traf er einen Bären.

„Was ist passiert, Kleiner?“, fragte der Bär.

Der Hase erzählte. Der Bär brummte: „Ich bin groß und stark. Ich helfe dir!“

Er ging zur Hütte und brüllte: „Rrr! Ziege, raus!“

Aber die Ziege rief wieder: „Tü-tü-tü! Ich stampfe und stoße!“

Der Bär dachte: „Was, wenn es wirklich wehtut?“ Er zuckte mit den Schultern und ging weiter.

Der Hase saß wieder da und war traurig. Da kam ein Hahn. Sein Federkleid leuchtete, sein Kamm war rot, und in den Krallen trug er eine kleine Holzflöte.

„Guten Tag, Häslein! Warum so traurig?“, fragte der Hahn.

Der Hase erzählte.

„Komm mit!“, sagte der Hahn. „Wir schaffen das!“

Sie gingen zur Hütte. Der Hahn krähte laut und klar:

„Kikeriki! Ich bin der Hahn mit dem goldenen Kamm! Ich spiele auf meiner Zauberflöte! Wer die Musik hört, muss tanzen!“

Und er blies auf der Flöte ein fröhliches Lied.

Die Ziege hörte die Musik – und ihre Hufe wippten von allein! Trapp, trapp, trapp! Sie tanzte so wild, dass sie aus der Hütte auf den Hof hüpfte.

Da huschte der Hase schnell hinein und schloss die Tür.

Die Ziege blieb stehen und sah sich um. Da wurde ihr klar, wie gemein sie gewesen war. Sie senkte den Kopf und sagte:

„Es tut mir leid, Häslein. Du warst so lieb zu mir, und ich habe dich geärgert.“

Der Hase schaute aus dem Fenster. Sein Herz war gut.

„Komm herein!“, rief er. „Aber von jetzt an leben wir zusammen – in Frieden und Freundschaft.“

So vertrugen sich Hase und Ziege wieder. Der Hahn blieb zum Abendessen. Sie saßen zu dritt am Tisch, tranken Tee mit Honig, und draußen wurde es dunkel.

In der Hütte brannte ein Licht, es duftete nach Kuchen, und alle waren warm und glücklich. Denn es ist viel schöner, zusammen zu sein, als zu streiten.