Es waren einmal ein Großvater und eine Großmutter. Sie waren nicht reich, aber fröhlich. Eines Tages seufzte die Großmutter: „Ach, Opa, wenn wir doch eine Kuh hätten! Dann könnten wir Milch trinken und Sahne schlagen.“
Der Großvater lächelte: „Keine Sorge! Ich mache dir eine.“ Er ging hinaus, sammelte Stroh und ein wenig Pech und begann zu basteln. Er drehte und flocht und klebte mit dem klebrigen Pech. Die Großmutter half ihm: Sie machte Augen aus Knöpfen und setzte Hörnchen aus Zweigen auf.
Da stand er, der Stier! Golden leuchtend aus Stroh, und das Pech glänzte in der Sonne. „Führ ihn auf die Wiese, Opa, lass ihn Gras knabbern“, lachte die Großmutter.
Der Großvater stellte den Stier an den Waldrand auf eine weiche grüne Wiese, setzte sich in den Schatten und döste ein. Nicht lange, da kam ein Hase aus dem Wald. Er sah den Stier und wunderte sich: „Wer bist du? Was stehst du hier?“ Der Stier schwieg. „Antworte doch!“, sagte der Hase und stupste ihn mit der Pfote. Platsch – die Pfote klebte fest. Der Hase zog und zog, aber er klebte fest.
Der Großvater wachte auf: „Häschen, bleib nur da!“ Er trug den Hasen nach Hause und sperrte ihn in die Kammer. Die Großmutter freute sich: „So ein Stier! Schon fängt er einen Hasen!“
Am nächsten Tag führte der Großvater den Stier wieder auf die Wiese. Er saß da und döste. Da kam ein Wolf aus dem Wald. „He, du! Was machst du auf meinem Weg?“, knurrte der Wolf. Der Stier schwieg. Der Wolf wurde böse und schubste den Stier mit der Tatze – und klebte fest. Mit der anderen Tatze klebte er auch. Er zerrte und knurrte, aber er kam nicht los.
Der Großvater wachte auf: „Hallo, Herr Wolf, lass den Stier in Ruhe! Komm lieber mit.“ Er trug den Wolf nach Hause zu dem Hasen. Die Großmutter staunte: „Was für ein Wunderstier!“
Am dritten Tag stellte der Großvater den Stier wieder auf die Wiese. Er schloss die Augen. Da kam ein Bär aus dem Dickicht – groß und zottelig. „Wer bist du? Was stehst du hier?“, brummte er. Der Stier schwieg. Der Bär stupste ihn mit der Tatze – und klebte. Mit der anderen auch. Er brüllte und zappelte, aber er kam nicht los.
Der Großvater wachte auf: „Na, Bärchen, hast du dich verfangen? Komm mit!“ Er trug den Bären in die Kammer, wo der Hase und der Wolf schon saßen. Die Großmutter lachte: „Opa, wir haben ja einen ganzen Zoo!“
Der Großvater überlegte: „Weißt du, Oma, sie sind auch Lebewesen. Wir wollen sie nicht festhalten.“ Sie gingen zur Kammer, und der Großvater sprach zu den Tieren: „Hört zu, Freunde. Wenn ihr unseren Stier in Ruhe lasst, lassen wir euch frei. Lebt im Wald und kommt uns besuchen – nicht mit Bösen, sondern mit Gutem.“
Die Tiere nickten und versprachen, friedlich zu sein. Der Großvater ließ sie frei, und fröhlich hoppelten, trotteten und stapften sie in den Wald.
Von da an stand der Stier auf dem Hof in der Sonne, und niemand störte ihn. Und der Hase, der Wolf und der Bär kamen manchmal zu Besuch – mit Pilzen und Beeren. Sie saßen zusammen, plauderten und tranken Tee.
Und der Stier guckte mit seinen Knopfaugen, als würde er lächeln.