Käthe und der mutige Erbsenjunge

Es waren einmal ein Opa und eine Oma. Ihre Kinder waren längst ausgeflogen, und die beiden alten Leute waren ganz allein. Nur der Kater schnurrte noch um ihre Beine.

Eines Tages trug die Oma einen Korb voller Erbsen vom Garten. Sie bückte sich, um ihren Schuh zu binden, und da rollten ein paar Erbsen auf den Weg. Sie hob sie auf, aber eine, die dickste, klaute der Kater und jagte sie durch die Stube wie einen Ball. Die Erbse rollte unter den Ofen – und auf einmal gab es einen Riesenkrach! Die Wände zitterten, die Fenster klirrten.

„Was war das?“, erschrak die Oma.

Da kam unter dem Ofen ein kleiner Junge hervor, kräftig und lockig, mit Augen, die leuchteten wie Sterne.

„Habt keine Angst, ich bin Käthe! Ich bin aus der Erbse gewachsen, die der Kater unters Ofen rollte. Ich will euer Sohn sein!“

Opa und Oma freuten sich sehr. Käthe wuchs nicht von Tag zu Tag, sondern von Stunde zu Stunde. Schon nach einer Woche trug er Wassereimer und hackte Holz. Nach einem Monat stemmte er einen dicken Eichenstamm, den drei Männer nicht bewegen konnten.

Eines Morgens wachten Opa und Oma auf – die Hütte war still. Kein Laut. Sie traten vor die Tür: der Hof leer, der Garten ruhig.

„Käthe!“, rief die Oma. „Wo bist du?“

Keine Antwort. Nur der Wind raschelte in den Blättern.

Sie liefen zu den Nachbarn – auch dort dasselbe: alle Kinder waren verschwunden, wie weggefegt. Die Leute weinten.

„Das war der Drache“, sagte ein alter Mann. „Er fliegt seit hundert Jahren über unsere Dörfer. Er holt die Kinder in seine Höhle hinter den hohen Bergen.“

Käthe hörte das, und sein Herz brannte.

„Weint nicht“, sagte er. „Ich werde gehen und alle zurückholen.“

Er nahm einen starken Stock, den er selbst aus Eiche geschnitzt hatte, packte einen Beutel mit Brot und machte sich auf den Weg.

Er ging durch finstere Wälder, über weite Felder, bis er an einen steilen Berg kam. In dem Berg war eine große Höhle wie ein Tor. Drinnen hörte er Stimmen – die Kinder sangen, um sich nicht zu fürchten.

Käthe spähte hinein. Da saßen Jungen und Mädchen, alle traurig. Am Eingang döste der Drache, riesig und schuppig, mit langem Schwanz.

„He, Drache!“, rief Käthe. „Lass die Kinder frei!“

Der Drache öffnete ein Auge und zischte: „Wer wagt es, mich zu wecken?“

„Ich bin Käthe! Gib die Kinder zurück!“

Der Drache lachte: „Du bist so klein und hast eine große Klappe! Dich fresse ich gleich!“

Aber bevor er zuschnappen konnte, holte Käthe mit seinem Stock aus und schlug zu, dass die Erde bebte. Der Drache staunte – noch nie hatte ihn jemand so begrüßt.

Der Kampf begann. Der Drache wand sich, peitschte mit dem Schwanz, sprühte Feuer – aber Käthe war flink und stark. Er wich aus, sprang wie eine Ziege und hieb mit seinem Eichenstock zu.

Endlich fiel der Drache zu Boden und keuchte.

„Genug!“, zischte er. „Vergib mir! Ich will nie mehr Kinder holen. Sie können nach Hause gehen.“

Käthe stand über ihm, den Stock in der Hand. „Versprichst du das?“

„Ich verspreche es“, seufzte der Drache. „Ich werde in den Bergen leben, Wildschweine jagen und die Menschen in Ruhe lassen.“

Der Drache ließ alle Kinder frei. Käthe führte sie den langen Weg nach Hause. Sie sangen Lieder, lachten und erzählten, wie bange sie gewesen waren und wie froh sie jetzt waren.

Als sie im Dorf ankamen, liefen die Eltern herbei, umarmten ihre Kinder, küssten sie und weinten vor Freude. Opa und Oma konnten gar nicht genug von Käthe bekommen.

„Du bist unser Held!“, sagten sie. „Ohne dich wären wir verloren!“

Käthe lächelte nur.

Von da an lebte er in der Hütte, half den alten Leuten, spielte mit den Kindern und lehrte sie, mutig und gut zu sein. Und der Drache zeigte sich nie wieder – er hielt sein Wort.

Jeden Abend, wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwand, saß Käthe auf der Bank vor der Hütte, schaute zu den Sternen und lauschte, wie die Oma ein leises Lied sang. Alles war gut.