Iwasik und das Zauberboot

Es waren einmal ein Vater und eine Mutter, die hatten einen kleinen Sohn. Er hieß Iwasik und hatte Locken wie goldene Ringe. Seine Augen funkelten wie zwei Kastanien, und wenn er lächelte, freuten sich alle um ihn herum.

Eines Tages sagten die Eltern: „Wir gehen aufs Feld, um Roggen zu mähen. Du, Iwasik, bleibst schön zu Hause. Wenn dir langweilig wird, darfst du in den Hof gehen, aber nicht durch das Tor!“

Iwasik nickte. Zuerst spielte er mit seinen Sachen, dann malte er ein Pferdchen auf die Tafel. Aber draußen zwitscherten die Vögel so fröhlich, und die Sonne schien so warm – da hielt er es nicht mehr aus. Er schlüpfte durch das Tor und lief zum Bach, der ganz in der Nähe plätscherte.

Dort aber lauerte eine listige Schlange. Schon lange hatte sie den fröhlichen Jungen beobachtet und nur auf ihre Chance gewartet.

„He, Iwasik!“, rief sie mit süßer Stimme. „Komm her, ich nehme dich mit auf einem Boot!“

Iwasik schaute hin – und wirklich, am Ufer schaukelte ein kleines Holzschiffchen, bunt bemalt mit Blumen.

„Bringst du mich auch wieder nach Hause?“, fragte der Junge.

„Aber sicher!“, lächelte die Schlange. „Nur ein kleines Stück fahren wir.“

Iwasik stieg ein – und sofort stieß die Schlange das Boot vom Ufer ab. Es trieb immer weiter, bis es auf einen großen Fluss kam. Iwasik bekam Angst und rief: „Bring mich zurück!“

Doch die Schlange lachte nur und machte nicht einmal Anstalten anzuhalten. Das Boot schwamm und schwamm, bis sie an einem dunklen Wald auf der anderen Seite des Flusses ankamen. Dort stand eine alte Hütte, und in der Hütte wohnte die Schlange.

„Hier bleibst du jetzt“, zischte sie. „Du wirst mir im Haushalt helfen.“

Iwasik war traurig, aber was sollte er tun? Die Schlange war stark und schlau. Also musste er gehorchen.

Als die Eltern vom Feld zurückkamen, war Iwasik verschwunden. Sie suchten im ganzen Dorf, fragten die Nachbarn, riefen in den Wald – niemand hatte Iwasik gesehen. Sie setzten sich und weinten vor Kummer.

Eine Woche verging, noch eine, noch eine. Iwasik war traurig, aber er gab die Hoffnung nicht auf. Jeden Tag ging er ans Flussufer und sang ein Lied:

„Schwäne, Schwäne, fliegt geschwind,
Bringt mich heim zu Vater und Kind!
Vater, Mutter warten sehr,
Bin ich ihnen denn nichts mehr?“

Eines Tages flog ein Schwarm weißer Schwäne über den Fluss. Sie hörten Iwasiks Lied und ließen sich am Ufer nieder.

„Warum bist du so traurig, kleiner Junge?“, fragte der älteste Schwan.

Iwasik erzählte ihnen alles – von der Schlange und wie sie ihn hereingelegt hatte.

„Sei nicht traurig“, sagte der Schwan. „Wir helfen dir. Setz dich auf unsere Rücken!“

Iwasik freute sich, setzte sich auf das weiche, weiße Gefieder – und die Schwäne erhoben sich hoch in den Himmel. Sie flogen über Wälder, über Felder, über blaue Seen. Unten sah alles so klein aus: der Wald wie ein grüner Teppich, die Häuser wie Spielzeug.

Inzwischen war die Schlange nach Hause gekommen und hatte Iwasik nicht gefunden. Sie merkte, dass er geflohen war, und jagte ihm nach. Sie lief am Flussufer entlang und schrie: „Iwasik, komm zurück! Ich hole dich!“

Aber die Schwäne flogen schnell, schnell, und die Schlange konnte sie nicht einholen. Sie lief und lief, bis sie außer Atem war – und schließlich blieb sie erschöpft zurück. Die Schwäne aber flogen weiter, bis sie Iwasiks Heimatdorf erreichten.

Sie landeten direkt vor dem Haus seiner Eltern. Iwasik sprang auf die Erde und lief zu Mama und Papa.

„Mein Sohn!“, rief die Mama und umarmte ihn so fest, dass er lachen musste.

„Wo warst du nur?“, fragte der Papa und streichelte seinen Kopf.

Iwasik erzählte alles – von der Schlange, vom Boot und von den guten Schwänen, die ihn gerettet hatten.

„Danke, ihr Vögel!“, verneigten sich die Eltern vor den Schwänen. „Ihr habt uns das Liebste zurückgebracht!“

Die Schwäne schlugen nur mit den weißen Flügeln und erhoben sich wieder in die Lüfte. Iwasik schaute ihnen noch lange nach und winkte.

Seitdem ging der Junge nie mehr ohne Erlaubnis durch das Tor. Und abends, wenn die Familie am Tisch saß und Tee mit Honig trank, blickte Iwasik zum Fenster hinaus – ob er wohl die weißen Schwäne sah, seine Retter. Und jedes Mal, wenn sie vorbeiflogen, ging er in den Hof und verbeugte sich, und sie antworteten ihm mit fröhlichem Rufen.

So lebten sie glücklich – Iwasik mit Mama und Papa, und hoch am Himmel flogen ihre guten Freunde, die Schwäne.