Auf einer hohen Weide am Teich wohnte die Störchin Weißfederchen. Ihr Gefieder war schneeweiß, ihr Schnabel lang und rot, und ihr Herz war das ehrlichste im ganzen Dorf.
Eines Sommermorgens versammelten sich alle Vögel zur Beratung. Herr Klapperstorch, ein alter Storch aus dem Nachbarnest, beklagte sich, dass ihm jemand seine Frösche gestohlen hätte.
„Wer war das?“, fragte er streng und sah sich um.
Alle schwiegen. Weißfederchen schwieg auch. Sie hatte gestern Abend gesehen, wie Herr Klapperstorchs eigene Jungen die Frösche gefressen hatten – sie waren so hungrig gewesen. Aber wenn sie die Wahrheit sagte, würden die Kleinen bestraft.
„Na?“, fragte Herr Klapperstorch wieder. „Waren es vielleicht die Spatzen? Oder die Krähen?“
Die Spatzen flatterten erschrocken mit den Flügeln. Die Krähen krächzten empört.
Weißfederchen spürte ihr Herz klopfen. Sie hatte Angst. Aber sie konnte nicht zulassen, dass unschuldige Vögel bestraft wurden.
„Herr Klapperstorch“, sagte sie leise. „Es waren Ihre Jungen. Sie hatten Hunger.“
Es wurde still. Alle starrten sie an. Herr Klapperstorch wurde zornig:
„Du beschuldigst meine Kinder? Was für eine Frechheit!“
„Ich sage die Wahrheit“, antwortete Weißfederchen ruhig, obwohl sie sich am liebsten versteckt hätte. „Ich habe es gestern Abend gesehen. Sie weinten vor Hunger, und Sie waren nicht da.“
Herr Klapperstorch wollte etwas rufen, doch dann verstummte er. Er erinnerte sich, dass er tatsächlich weit weggeflogen war und lange nicht zurückkam. Die Kleinen konnten hungrig gewesen sein.
„Warum hast du nichts gesagt, als ich da war?“, fragte er leiser.
„Ich hatte Angst“, gestand Weißfederchen. „Aber noch mehr Angst hatte ich, dass Unschuldige leiden, wenn ich schweige.“
Herr Klapperstorch nickte langsam. Dann verbeugte er sich unerwartet:
„Verzeih mir, Weißfederchen. Und danke. Ich war gestern ein schlechter Vater.“
Die Spatzen und Krähen schnatterten erleichtert. Sie flogen zu Weißfederchen und dankten ihr.
Am Abend saß Weißfederchen im Nest und sah zu den Sternen. Sie war ruhig, auch wenn ihr ein bisschen mulmig war nach dem Gespräch am Morgen. Aber sie wusste – sie hatte richtig gehandelt.
Unten am Teich begann eine Grille zu singen. Das Wasser plätscherte leise im Schilf. Weißfederchen steckte den Kopf unter den Flügel und schlief ein.